Wenn ich dich küsse

ist es nicht nur dein Mund

nicht nur dein Nabel

nicht nur dein Schoß

den ich küsse

Ich küsse 

auch deine Fragen

und deine Wünsche

ich küsse dein Nachdenken

deine Zweifel und deinen Mut

deine Liebe zu mir

und deine Freiheit von mir

deinen Fuß der hergekommen ist

und der wieder fortgeht 

ich küsse dich

wie du bist

und wie du sein wirst

morgen und später

und wenn meine Zeit vorbei ist

Erich Fried

Dieses Gedicht von Erich Fried berührt mich, weil es so viel mehr zeigt als die Geste des Küssens. Es ist, als würde er uns daran erinnern, dass ein Kuss nicht an der Oberfläche bleibt. Er geht tiefer – hinein in das, was uns bewegt, was uns ausmacht, was uns unsicher und zugleich lebendig sein lässt.

Wenn ich diese Zeilen lese, spüre ich, wie viel Freiheit und Weite in einer echten Begegnung liegt. „Deine Liebe zu mir und deine Freiheit von mir“ – das ist ein Satz, der für mich den Kern einer reifen Liebe trifft. Liebe, die nicht besitzen will, sondern das Sein des anderen würdigt.

Ich erkenne mich darin wieder. Denn auch für mich ist Nähe mehr als Berührung. Es ist ein Anerkennen des ganzen Menschen: der Fragen, der Zweifel, der Wünsche, des Mutes. Ein Kuss, der nicht nur Lippen trifft, sondern auch die unsichtbaren Räume dazwischen – die Erinnerung an das, was war, und die Offenheit für das, was kommen wird.

So wird aus einem Kuss etwas Zeitloses: ein Versprechen, dich zu sehen – hier, jetzt und über meine eigene Zeit hinaus.

Herzensgrüße Kalua

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