Es gibt Sätze, die mich innehalten lassen. So ein Satz ist:
„Das ist die beste Zeit meines Lebens.“
Gesagt hat ihn eine 108-jährige Frau – Apo Whang-Od, eine philippinische Tätowiererin, deren Hände noch immer mit sicherem Rhythmus das tun, was sie seit Jahrzehnten tut: Zeichen setzen. Unter die Haut. Und in die Seelen der Menschen.
Wenn ich so einen Satz höre, frage ich mich: Wann ist sie gekommen, diese beste Zeit? War sie jung und frei? Verliebt und voller Träume? War sie Mutter? Künstlerin? War sie allein? Oder ist sie erst jetzt gekommen, mit über hundert Jahren?
Und ich frage mich: Wann ist für mich die beste Zeit?
War sie es schon – oder wird sie es noch? Oder könnte sie – vielleicht ganz einfach – genau jetzt sein?
Wenn ich ehrlich bin, habe ich lange geglaubt, dass die beste Zeit immer vor mir liegt. Ich habe gewartet auf den Moment, wo sich endlich alles richtig anfühlt. Wo ich angekommen bin. Wo ich nichts mehr beweisen muss. Wo ich lieben darf, ohne Angst zu haben, verlassen zu werden. Wo ich verstanden werde. Wo ich selbst verstehe. Wo ich einfach da bin – und es genügt. Aber diese Vorstellung hat mich auch immer wieder gehetzt. Sie hat mich suchen lassen. Sehnen. Zweifeln. Sie hat mich glauben lassen, dass das Jetzt nie ganz reicht. Dass es immer noch besser geht. Später. Irgendwann. Und dann lese ich diesen Satz von der alten Frau mit dem weisen Blick und den tätowierten Armen.
„Das ist die beste Zeit meines Lebens.“
Und ich spüre: Sie hat es gewählt. Nicht, weil es leicht ist. Nicht, weil alles perfekt wäre. Sondern weil sie sich entschieden hat, das Jetzt zu umarmen. Mit allem, was es bringt. Mit dem Körper, der nicht mehr jung ist. Mit den Erinnerungen, die bleiben.
Mit der Dankbarkeit für jeden einzelnen Tag.
Ich glaube, das ist der Schlüssel. Nicht das, was passiert, macht eine Zeit zur besten unseres Lebens. Sondern wie wir darauf schauen. Wie wir sie fühlen. Wie wir sie annehmen – ganz. Ich will mir das vornehmen. Ich will nicht mehr warten, dass das Leben irgendwann perfekt wird. Ich will nicht mehr den goldenen Moment suchen, der alles heil macht. Ich will sagen können:
„Das ist die beste Zeit meines Lebens.“
Weil ich da bin. Weil ich lebe. Weil ich liebe – trotz allem. Weil ich mich jeden Tag neu für das Jetzt entscheide. Und wenn ich irgendwann alt bin – und mein Körper langsam wird – dann will ich zurückschauen und sagen:
„Ich habe meine beste Zeit nicht verpasst.“
Ich habe sie gelebt. Ich habe sie gewählt. Genau hier. Genau jetzt.
Herzensgrüße Kalua
