Sehr geehrter Herr Özdemir, Sehr geehrter Herr Ministerpräsident Kretschmann,

ich schreibe Ihnen nicht als Funktionsträger, nicht als Experte, nicht als jemand mit politischem Gewicht. Ich schreibe Ihnen als Mensch. Als jemand, der immer wieder in Herrenwies zwischen hohen Tannen steht, den leisen Wind hört und den Atem des Nationalparks Schwarzwald spürt.

Für mich ist dieser Ort kein politisches Projekt. Er ist Zuflucht. Heimat für meine Seele. Ein Raum, in dem ich aufatme, wenn der Alltag mich zu sehr erfasst hat. Dort, zwischen diesen Bäumen, fühle ich mich getragen – und gleichzeitig klein im besten Sinne. Klein vor der Größe der Natur, vor ihrer Wildheit, vor ihrer Würde.

Vor zwei Jahren war ich dort unterwegs, allein mit meinem Hund, ohne zu wissen, dass es in diesem Gebiet überhaupt einen Wolf gibt. Ich hatte keine Angst in mir, keine Alarmbereitschaft. Nur diese stille Verbundenheit mit dem Wald. Und dann sah ich ihn. Kurz. Ruhig. Selbstverständlich. Kein Angriff. Keine Bedrohung. Kein Drama. Nur ein Nebeneinander. Ein Mensch und ein Wolf, die sich wahrnahmen und dann wieder ihrer Wege gingen. Auch ein Jahr später, die gleiche Haltung – ein Nebeneinander.

Dieses Erlebnis hat sich tief in mir eingeprägt. Es war kein spektakulärer Moment, sondern ein stilles Geschenk. Ein Beweis dafür, dass Koexistenz möglich ist. Dass Respekt genügt.

Als später die Schilder aufgestellt wurden – „Sie befinden sich im Territorium des Wolfsrüden GW2672m“ – war ich nicht verärgert. Ich war dankbar. Diese Schilder fühlten sich nicht wie Einschränkung an, sondern wie Bewusstwerdung. Sie erinnerten uns Menschen daran: Du bist hier Gast. Das hier ist nicht nur dein Raum. Für mich war das kein Verlust von Freiheit, sondern eine Erweiterung meines Verständnisses von Verantwortung.

Und nun stehe ich innerlich wieder dort im Wald – und spüre einen tiefen Stich. Der geplante Abschuss dieses Wolfes ist für mich kein Verwaltungsakt, keine abstrakte Maßnahme. Er ist ein Bruch. Ein Bruch mit dem, was dieser Nationalpark symbolisieren sollte.

In Ihrem eigenen Programm schreiben die Grünen unter dem Punkt „Naturschutz mit Weitblick“, dass der Nationalpark Schwarzwald ein Naturschutzprojekt von bundesweiter Bedeutung ist. Dass er einen wichtigen Beitrag zum Artenschutz leistet. Dass das Biodiversitätsstärkungsgesetz neue Maßstäbe setzt. Dass Artenschutzoffensiven messbare Erfolge zeigen. Dass Schutzgebiete konsequent in die Verantwortung des Naturschutzes überführt wurden.

Ich lese diese Worte – und ich frage mich, wo dieser Weitblick bleibt, wenn ein streng geschütztes Tier ausgerechnet im Nationalpark nicht bleiben darf. Wenn wir bei der ersten größeren gesellschaftlichen Spannung zurückweichen. Wenn Schutz relativ wird.

Ich verstehe, dass Politik komplex ist. Dass Interessen aufeinanderprallen. Dass Entscheidungen unter Druck getroffen werden. Aber gerade deshalb braucht es Orte, an denen Haltung sichtbar wird. Der Nationalpark Schwarzwald sollte so ein Ort sein.

Für mich fühlt sich der geplante Abschuss wie ein Symbol an. Ein Symbol dafür, dass wir zwar von Nachhaltigkeit und Biodiversität sprechen – aber im Zweifel doch wieder Kontrolle über Koexistenz stellen. Angst über Vertrauen. Eingriff über Geduld.

Ich bin nur eine einzelne Stimme. Das weiß ich. Ich verfüge über keine Lobby, keine Macht, keine Schlagzeilen. Aber in meinem Verständnis von Demokratie zählt jede Stimme. Jede Entscheidung, die ich treffe, ist ein Ausdruck meiner Haltung.

Ich habe viele Jahre grün gewählt, aus Überzeugung. Aus Hoffnung. Aus dem Wunsch heraus, dass Naturschutz nicht nur ein Wahlkampfthema ist, sondern gelebte Praxis. In diesem Jahr werde ich nicht Grün wählen. Und ich werde aus der Partei austreten.

Nicht aus Trotz. Nicht aus Wut. Sondern aus Konsequenz.

Vielleicht ist meine Stimme leise. Aber sie ist ehrlich. Und sie ist verbunden mit einem Moment im Wald, mit einem Blick in die Augen eines wilden Tieres, das mir nichts genommen hat – außer vielleicht die Illusion, dass wir Menschen immer im Recht sind.

Ich wünsche mir eine Politik, die das Wilde nicht nur verwaltet, sondern schützt. Auch dann, wenn es unbequem wird.

Und während ich diese Zeilen schreibe, fallen im Gebiet von GW2672m Schüsse.

Sie hatten die Möglichkeit, ein Zeichen zu setzen. Für Geduld. Für Dialog. Für den Mut, Konflikte auszuhalten, statt sie mit Kugeln zu beenden. Diese Möglichkeit ist nun vertan.

Mit nachdenklichen Grüßen

Stefan Mayer

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