Ich stehe wieder innerlich in diesem Wald, in Herrenwies, zwischen den hohen Tannen, dem leisen Wind und diesem besonderen Atem des Nationalparks. Für mich ist dieser Ort kein beliebiger Wald – er ist Zuflucht, Heimat für meine Seele, ein Raum, in dem ich aufatme, in dem ich mich selbst wiederfinde, wenn der Alltag mich zu sehr erfasst hat. Wenn ich dort unterwegs bin, spüre ich etwas Größeres als mich selbst, etwas Lebendiges, Wildes, Sanftes zugleich. Ich fühle mich getragen und gleichzeitig klein im besten Sinne.
Und dann denke ich an diese Entscheidung, die eigentlich absehbar war – und doch fühlt sie sich wie ein tiefer Stich an. Der geplante Abschuss dieses Wolfes ist für mich kein Verwaltungsakt, kein abstrakter Beschluss, sondern ein schmerzhafter Verlust. Nicht nur für mich, sondern für die ganze Region, für all jene, die gehofft haben, dass wir lernen könnten, wieder Platz zu machen für das Wilde.
Ich erinnere mich sehr klar an den Moment vor zwei Jahren. Ich war allein unterwegs in Herrenwies, ohne zu wissen, dass es dort überhaupt einen Wolf gibt. Ich hatte keine Angst, keinen Alarm in mir, nur diese stille Verbundenheit mit der Natur. Und dann sah ich ihn – ganz kurz, ganz ruhig, ganz selbstverständlich. Kein Angriff, keine Bedrohung, kein Drama. Einfach ein Nebeneinander. Ein Mensch und ein Wolf, die sich gegenseitig wahrnahmen und dann wieder ihrer Wege gingen. Dieses Erlebnis hat sich tief in mich eingeprägt. Es war für mich ein Geschenk, ein Beweis dafür, dass Begegnung möglich ist, wenn wir respektvoll bleiben.
Später, als die Schilder aufgestellt wurden mit der Bezeichnung „Sie befinden sich im Territorium des Wolfsrüden GW2672m“, war ich nicht verärgert, sondern zutiefst dankbar. Diese Schilder fühlten sich für mich nicht wie eine Warnung an, sondern wie eine Einladung zur Achtsamkeit. Sie erinnerten uns Menschen daran: Du bist hier Gast. Dies ist sein Lebensraum. Begegne ihm mit Respekt. Für mich war das kein Verlust von Freiheit, sondern eine Erweiterung meines Bewusstseins.

Gerade deshalb trifft mich der geplante Abschuss so hart. Ausgerechnet im Nationalpark Schwarzwald, einem Ort, der Schutz versprechen sollte, durfte ein streng geschütztes Tier nicht bleiben. In meinem Inneren fühlt sich das wie ein Bruch an – als hätten wir eine stille Vereinbarung mit der Natur gebrochen.
Ich erlebe diesen geplanten Abschuss als Spiegel unserer heutigen Gesellschaft. Wir reden viel von Nachhaltigkeit, von Schutz, von Respekt – und doch handeln wir oft aus Angst, Kontrolle oder Bequemlichkeit. Die Natur zeigt uns immer wieder, wie anpassungsfähig sie ist, wie Tiere neue Wege finden, uns ausweichen, mit uns leben. Aber wir Menschen scheinen verlernt zu haben, wirklich mit ihr zu existieren.
Wenn ich an den Wolf denke, spüre ich keine Gefahr, sondern Wehmut. Ich frage mich, ob wir zu schnell urteilen, zu schnell eingreifen, zu schnell zerstören, statt zu lernen. Und ich wünsche mir, dass wir innehalten, bevor wir Tiere zu Sensationen machen, sie verfolgen, fotografieren oder zum Problem erklären.
Am Ende bleibt in mir ein leiser Schmerz – aber auch eine tiefe Dankbarkeit. Dankbar dafür, dass ich diesen Wolf sehen durfte. Dankbar für Herrenwies, für den Nationalpark, für die Wildheit, die dort noch lebt. Und mit der stillen Hoffnung, dass wir eines Tages wieder lernen, mit der Natur zu sein, statt über sie zu herrschen.
In Gedanken
Kalua
