Anfang Juni hatte ich diese Nahaufnahmen vom Mohn in Stefans Garten gemacht. Ich war von der Schönheit jeder einzelnen seiner Lebensphasen so berührt. Von den feinen Härchen der Knospe, der Farbe der Blüte, der Geometrie und Symmetrie der Frucht.

Dann fragte ich mich: Wenn ich Mohn in jeder seiner Lebensphasen wunderschön finde, habe ich diese Ansicht auch über mich selbst?

Gerade gehe ich damit, dies mit mir selbst zu praktizieren. Zu üben. Jedes meiner Gefühle anzunehmen wie es ist. Mich anzunehmen wie ich bin. Ohne mir Geschichten über das Gefühl oder mich selbst zu erzählen. Ohne das Gefühl oder eine Situation mit alten Erinnerungen zu verknüpfen.

Denn es ist ja so. Die Hirnforscherin Bill Jolte Taylor macht folgende Aussage:

Wenn eine Person eine Reaktion auf etwas aus ihrer Umgebung hat, gibt es einen Prozess im Körper, der 90 Sekunden anhält. Die emotionale Reaktion, die danach stattfindet, geschieht aufgrund der oft unbewussten Entscheidung der Person, in diesem emotionalen Loop zu bleiben.»

Bill Jolte Taylor

Es dauert also 90 Sekunden zwischen dem Aufflammen eines Gefühles und dem Abklingen des Gefühls. Wenn ich länger als 90 Sekunden wütend bin oder traurig oder freudig oder aufgeregt, dann liegt das an den Gedanken und den Geschichten, die ich mir selbst zu diesem Gefühl oder dieser Situation erzähle. Oder an Erinnerungen die in mir gespeichert sind und unbewusst wirken.

Hast du das schonmal ausprobiert? Reingehorcht in dich, was da nach diesen 90 Sekunden wirkt? Ich finde immer Gedanken oder Geschichten, die in meinem Kopf zu der Situation umherspuken, die das jeweilige Gefühl in mir ausgelöst hat.

Wenn ich also 90 Sekunden lang nicht reagiere sondern einfach nur atme und vielleicht auch zähle, damit ich nicht nach außen gehe mit dem, was auch immer gerade in mir ist. Und wenn ich mir dann bewusst keine Geschichten erzähle oder bewusst auf meine Gedanken achte, die mich gerade zu irgendwelchen Reaktionen bewegen wollen. Dann komme ich dazu, bewusst und aus dem Herzen heraus zu handeln.

Klingt gut. Auf jeden Fall. Und ich finde es sau schwer. Und erstrebenswert.

Im Awakening Women Institut, in dem ich mich in Frauenkreisen nähre, mit mir selbst und mit anderen Frauen verbinde, gibt es eine Übung die >>Feel ~ Kiss ~ Flow<< heißt. Und genau das ist es, was wir lernen und üben dürfen.
Ein Gefühl kommt. Wir lassen es zu und fühlen es, so wie es gerade da ist. Wir küssen es mit unserem Atem und heißen es willkommen. Dadurch kann es durch uns hindurchfließen und wieder gehen. So wird aus dem Gefühl keine festgehaltene Emotion, die an anderen Stellen unbewusst wirkt, sondern es ist und bleibt ein Gefühl, das kommen und gehen darf. Denn so wie wir den Beginn spüren, hat das Gefühl auch ein Ende, das wir auch spüren dürfen.

Mir fällt noch einer meiner Lieblingssätze von Rudolf Steiner ein. “Das Wertvollste ist, wenn die Gedanken ein Herz haben.” Ja, wenn unsere Gedanken ein Herz haben, dann haben auch unsere Handlungen und Worte ein Herz – uns selbst gegenüber und der Welt mit all seinen Wesen gegenüber.

Von Herz zu Herz, Belinda

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